Lebensgeschichten

Gisela Nyman (1934- ) – Ein in den Nachkriegsjahren aufgehender Artistenstern aus Leipzig

Gisela Nyman, eine geborene Blumenthal, war die eheliche Tochter eines jüdischen Vaters und einer nichtjüdischen Mutter. In Leipzig kam sie nicht zur Welt, sondern verbrachte hier auch ihre Kindheit.  Als Kind war Marika Rökk das Vorbild der jungen Gisela. Im Alter von fünf Jahren begann Gisela ihre Ballettausbildung. Hinzu kam bald auch Musikunterricht. Der Umstand, dass der Vater jüdischer Herkunft war, hatte keine Folgen für den Besuch ihrer Tanz- und Musikstunden.

Mit freundlicher Genehmigung von Gisela Nyman

Der jüdische Vater, ein Obst- und Gemüsegroßhändler in der örtlichen Großmarkthalle, wurde erstmals im 1938 von der Gestapo abgeholt. Vom Juni 1938 bis März 1939 war er im Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin arretiert. Nach der Entlassung des Vaters am 8. März 1939 erhielt dieser einen Reisepass zur Auswanderung nach Italien. Doch die Familie blieb in Leipzig, wo der Vater in verschiedenen Betrieben arbeite. Einer selbstständigen Tätigkeit durfte er nicht mehr nachgehen. Am 19.10.1944 erfolgte eine weitere Verhaftung des Vaters. Zunächst wurde er in das Polizeigefängnis von Leipzig gebracht. Am 23.1.1945 erfolgte dann die Überstellung in das Konzentrationslager Buchenwald. Bei einem Arbeitseinsatz glückte dem Vater mit Hilfe zweier Aufseher die Flucht. Ihm gelang es, sich in Leipzig neue Papiere zu besorgen und sich mit diesen nach Wuppertal abzusetzen. Nach Kriegsende kehrte der Vater nach Leipzig zurück und begann wieder als Ost- und Gemüsehändler zu arbeiten.  Der jüdische Großvater jedoch, Abraham Blumenthal, wurde am 04.09.1942 mit dem 7. Alterstransport von Berlin in das KZ Theresienstadt deportiert, wo er am 18. April 1943 verstarb.

Tochter Gisela war in den letzten Kriegsmonaten nicht mehr in die Schule gegangen und zu Hause geblieben, wo sie von der Mutter unterrichtet wurde. Nach dem Krieg erlernte Gisela das Rollschuhlaufen. Im April 1948 suchte die Rollschuhgruppe „Trio Splendid“ Nachwuchs. Der Chef der Truppe, Friedrich Kaufhold, bot der Dreizehnjährigen einen dreijährigen Lehrvertrag mit Probezeit an.  Schon im Juli 1948 hatte Gisela ihren ersten Auftitt in der „Neuen Scala“ in Berlin.

Mit freundlicher Genehmigung von Gisela Nyman

Als die Truppe ein Engagement in Essen annahm, reiste Gisela als Tochter ihres Chefs Kaufhold in die britische Besatzungszone. Fortan trat die Rollschuhartisten nur noch in Westdeutschland auf. Die Eltern verließen Leipzig 1949 und fanden in Frankfurt am Main eine neue Heimat. Im Jahr 1951 hatte Gisela in Oslo ihr erstes Auslandsengagement. Gastspielorte in anderen skandinavischen Ländern kamen hinzu. Im Flur ihrer heutigen Wohnung hängt noch immer ein Zirkusplakat des dänischen Unternehmens Benneweis, worauf auch die junge Gisela abgebildet ist. Allerdings muss der Zeichner ein kleiner Schelm gewesen sein, weil dieser eine Brust Giselas im Bild frei legte, die aus dem Kostüm zum Vorschein kam.

Ein schwerer Akrobatikunfall im September 1956 unterbrach zwischenzeitlich die Artistenkarriere Giselas und zwang diese auf das Trampolin umzusteigen. Mit einer Trampolintruppe erhielt sie 1958 ein Engagement in Finnland im Suomen Tivoli der Familie Sariola. Als es zu Unstimmigkeiten über die Gagenzahlung kam, verschwand die Truppe über Nacht und ließ Gisela alleine zurück. Das Programm war damit ausgedünnt. Neue Nummern wurden gebraucht. Der Direktor von Suomen Tivoli fragte Gisela, ob sie sich vorstellen könne, mit einer Schlange um den Hals zu tanzen. Der Umgang mit dem Reptil, der zwölf Kilo schweren Tigerpython „Leila“, wurde ihr von ihrem späteren Ehemann Kalle Nyman, einem Finnen mit Roma-Hintergrund, beigebracht.

Mit freundlicher Genehmigung von Gisela Nyman

Die Hochzeit erfolgte jedoch nicht in Finnland, sondern 1960 in Frankfurt am Main. 1961 wurde der erste Sohn geworden. Sechs weitere Jahre Spielzeiten reiste die Familie in Finnland, vor allem mit dem Suomen Tivoli. Dort arbeiteten Gisela und Kalle Nyman mit dem Elefanten Pepita. Die Sariolas, die wohl selbst einen Roma-Familienhintergrund aufwiesen, wären dem Artistenpaar gegenüber „besonders nett und verständnisvoll gewesen“, so Gisela.  1967 siedelte die Familie nach Frankfurt am Main über. Der 1968 kam der zweite Sohn zur Welt.

Gisela Nyman tritt heute noch immer auf. 2002 wurde sie Mitglied der Frankfurter Liedertafel 1827. Seit März 2008 spielt sie im Frankfurter Seniorenorchester mit.

Autor: Malte Gasche

Quellen:

Videointerview mit Gisela Nyman vom 3.11.2018:https://youtu.be/srTuysC6l0c

Lillqvist, Katarina: Arvoisa Herra Tarzan: Balladi viimeisestä eläintenkesyttäjästä. Jyväskylä 2005.